Brücken des geteilten Schmerzes

08.06.2025 |

Die christlich-muslimische Dialogrunde Villingen-Schwenningen steht – wie viele Menschen weltweit – erschüttert vor der anhaltenden Gewalt im Nahen Osten. Mit jedem Tag Hunger, Geiselhaft, Zerstörung und Gewalt werden wir sprachloser. Immer wieder versuchen wir in der Gruppe im Austausch und Gespräch zu bleiben und gleichzeitig merken wir, dass wir uns so ohnmächtig fühlen, dass wir das Thema lieber außen vor lassen. Nichtsdestotrotz geht die humanitäre Katastrophe weiter. Deshalb wollen wir dieser Sprachlosigkeit nicht das letzte Wort lassen.
Wir glauben, dass geteiltes Leid nicht kleiner, aber menschlicher wird. Dass Zuhören, Anteilnahme und das Benennen von Schmerz Wege eröffnen können – raus aus der Ohnmacht.
Um der Sprachlosigkeit und Ohnmacht etwas entgegenzusetzen, wollen wir hier Raum bieten, um den Schmerz, den man im Mitfühlen mit anderen empfindet zu teilen. Wir laden alle ein, die bereit sind, mit Respekt, Offenheit und Empathie den Schmerz der anderen zu erkennen und im Schreiben dem eigenen Verstummen etwas entgegenzusetzen. Wir glauben, dass geteilter Schmerz Brücken bauen kann.
 
Diese Website wird redaktionell betreut. Wir behalten uns vor, Einsendungen nicht zu veröffentlichen, insbesondere bei Verstößen gegen unsere Grundwerte: Kein Platz für Gewalt, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Rassismus, Diskriminierung oder Extremismus.

 
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Bitte jeweils das Datum des Kommentars zur Einordnung beachten, da keiner von uns künftige Entwicklungen voraussehen kann und deshalb aus der Perspektive am Tag des Verfassens schreibt.


Kommentare

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15.07.2025 16:51 - Brunhilde Diel-Hourani

Nicht die Hoffnung verlieren

Jeder der sich mit seinem Glauben auseinandersetzt hat ein gewisses Verständnis von Gott.
Für mich ist es ein höheres Wesen (nicht mit einem Menschen vergleichbar), das weit weg von uns über den Himmeln existiert und alles erschaffen hat. Nach der Erschaffung von Himmeln und Erde, Pflanzen, Berge, Seen, Meere, Tiere kam zum Schluss der Mensch.
Im Koran steht, dass der Mensch ungeduldig und streitsüchtig ist. Schon bei Kain und Abel gab es Gewalt und Totschlag. Dies hat sich bis heute nicht geändert und deswegen gehört es leider zu unserem Leben dazu. Gott hat dem Menschen die Möglichkeit gegeben sich zu entscheiden, entweder Gutes zu tun oder Böses. Es ist nur manchmal erschreckend, zu wie viel Gewalt und Hass ein Mensch fähig sein kann.
In meinem Leben gab es schon viele Kriege und Tötungen von Unschuldigen, die mich mal mehr und mal weniger berührten, weil sie (Gott sei Dank) oft weit weg stattfanden. Wenn aber dann Verwandte und Freunde getötet werden, dann nimmt dies mich mehr mit und lässt mich weinen, immer wenn ich daran denke.
Da ich aber fest daran glaube, dass unser Schöpfer am Tag des Jüngsten Gerichts, alle Taten jedes einzelnen Menschen beurteilt und dann die Seele entweder in den Himmel oder in die Hölle schicken wird, kann ich mit der Ungerechtigkeit auf dieser Welt leben und diese tolerieren.
Es ist für mich wichtig, den Glauben und die Hoffnung nicht zu verlieren und die unterschiedlichen Situationen, denen ich ausgesetzt bin, geduldig zu bestehen.
Ich allein kann nichts ausrichten und schon gar nicht die Kriege beenden. Alles, was ich kann, ist beten und Fürsprache halten damit diese Kriege aufhören. Wir alle können dafür beten und müssen dies auch tun. Deswegen gebe ich die Hoffnung nicht auf und lebe mein Leben so gut ich kann nach den Geboten Gottes. Dies hilft mir die Ungerechtigkeit auf dieser Welt zu ertragen.


15.07.2025 08:11 - Tayfun Yengec

Du sollst nicht unrechtmäßig Töten!

Als ein muslimischer türkischer Schwabe habe ich mich vor ca. einem Jahr entschieden, an der christlich-muslimischen Dialogrunde teilzunehmen. Warum? Weil ich mich entschieden habe, mich für den Frieden einzusetzen und alles Mögliche zu unternehmen, was in meinen Möglichkeiten liegt. Weil ich nicht zu denen gehören möchte, wenn sein Kind nach Jahren fragen wird – "Papa, was hast Du zu der Zeit gemacht, als unschuldige Menschen gelitten und getötet worden sind?" – und ich, weil ich nichts unternommen habe, auf diese Frage meiner Kinder nicht antworten kann.

Für diesen Beitrag habe ich mich bewusst für die heikle Überschrift "Du sollst nicht unrechtmäßig töten" entschieden. Es wäre leichter zu schreiben "Du sollst nicht töten". Vieles, was aber für uns leichter aussieht, verbirgt größere Schwierigkeiten. Hätte ich "Du sollst nicht töten" als Überschrift gewählt, dann würden viele fragen, warum geschehen aber auf der Welt gerade so viele Morde? – Und auf diese Frage zu antworten ist weitaus schwieriger.

Aus diesem Grund habe ich mich bewusst für die Überschrift entschieden: "Du sollst nicht unrechtmäßig töten?" – Warum? Weil in den heiligen Büchern, wie der Thora, der Bibel und dem Koran, nicht das generelle Töten verboten ist. Als ich in der Google-Suche nach dem Satz „Du sollst nicht töten“ gesucht habe, hat mir die KI Folgendes als Antwort aufgezeigt – Zitat KI: „Die Aussage 'Du sollst nicht töten' ist nicht als generelles Verbot jeglicher Tötung zu verstehen, sondern bezieht sich speziell auf die unrechtmäßige Tötung eines Menschen. Das bedeutet, dass es Situationen geben kann, in denen Tötung als gerechtfertigt angesehen wird, beispielsweise im Rahmen eines gerechten Krieges oder zur Selbstverteidigung.“ – Zitat KI Ende

Und genau hier fängt die Schwierigkeit an. Ein kleines Wort mit einer großen Wirkung ist hier versteckt – „gerechten“ ! Was aber bedeutet „gerecht“ und wer entscheidet, was „gerecht“ ist?
Auf die Frage, ob es gerecht ist, wenn man im Krieg angegriffen wird und sich verteidigt und dabei der Angreifende durch die Selbstverteidigung stirbt – werden einige, wenn nicht sogar viele Menschen mit „Ja“ antworten. Aber auf die Frage zu antworten, was ein „gerechter“ Krieg ist – ist schon viel schwieriger und sehr wenige trauen sich, dieser Frage anzunähern.

Für mich als gläubiger Mensch steckt ein sehr kleiner Teil in diesem Satz, der mir zu verstehen gibt, was es bedeutet. Das sehr kleine unscheinbare Präfix „un“ in dem Wort un-rechtmäßig ist für mich die Erklärung, was gemeint ist, und gibt mir zu verstehen, wie gehandelt werden soll.

Wenn un-schuldige Menschen, un-schuldige kleine Kinder, un-schuldige Zivilisten getötet werden, dann ist genau das für mein Verständnis un-rechtmäßig. Jetzt werden einige sagen, „ja, aber wer sagt, wer ein un-schuldiger Mensch ist?“ Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil immer der Kontext und das Gesamte betrachtet werden muss und Menschen mit den notwendigen Expertisen und dem Wissen diese Frage beantworten müssen.

Was ich ABER mit meinem bescheidenen Wissen zu 100 % sagen kann, ist, dass das Töten von un-schuldigen Kindern – egal welcher Herkunft oder welchen Glaubens – definitiv nicht erlaubt ist. Und dabei gibt es ohne Wenn und Aber keine Rechtfertigung und keine Ausnahme!

Und genau dafür möchte ich mich persönlich einsetzen! Ich will mich einsetzen, dass diese un-nötigen Kriege gestoppt werden, damit das Leid der un-schuldigen kleinen Kinder aufhört. Dafür will ich Brücken bilden. Wir, die Menschenfamilie, sagen – „die Kinder sind unsere Zukunft!“ Was ist aber „unsere Zukunft“? Das ist die Zukunft und vor allem die Existenz der Menschheit und somit Menschenfamilie!

Dann lasst uns gemeinsam für ALLE Kinder auf dieser Welt einsetzen, damit unsere Zukunft – die Zukunft unserer Menschenfamilie – gerettet wird! Vielleicht denken sich jetzt einige, was sollen wir schon machen können? Ich sage und bin fest überzeugt – Wenn wir uns vereinen und wieder unsere Zugehörigkeit zur Menschenfamilie stärken, dann wird uns GOTT helfen, und dann haben wir definitiv gewonnen!


19.06.2025 13:12 - Eva Willkomm

Zwischen Verdrängung und Verzweiflung Hoffnung suchen und Kraftquellen finden

Ich gehöre auch zu der Dialogrunde und freue mich über diesen Versuch, unsere Sprachlosigkeit zu überwinden.
Gleichzeitig stelle ich fest, dass es mir sehr schwer fällt, zu diesem Thema zu schreiben - wie soll ich Worte finden für das Schreckliche, das in Palästina/Israel passiert?
"Zwischen Verdrängung und Verzweiflung Hoffnung suchen und Kraftquellen finden" hieß der Theaterworkshop, den ich bei der Jahrestagung des Versöhnungsbundes geleitet habe. Das ist es, was ich versuchen möchte - hier bei uns. Und den Schmerz der anderen wahrnehmen, - und soweit überhaupt möglich -begreifen und Anteil nehmen daran. (Siehe das Buch von Charlotte Wiedemann: Den Schmerz der anderen begreifen - Holocaust und Weltgedächtnis, Propyläen-Verlag 2022).
Noch lieber spreche ich mit Menschen oder tue es direkt, aber diese Möglichkeit des Schreibens ist ein Anfang, Danke dafür!


14.06.2025 21:20 - Gunter Berberich

Geteilter Schmerz statt Sprachlosigkeit

Vor über einem Jahr, haben wir als Dialogrunde einen Schweigegang für die Opfer des Anschlags der Hamas und die Opfer des militärischen Vorgehens Israels in Gaza organisiert. Wir hatten uns für das Schweigen entschieden, weil wir gemerkt hatten, dass alle Worte riskant und verfänglich sind. Und sogar das christlich-muslimische Schweigen wurde von manchen noch als schwierig erachtet. Und jetzt ist alles noch schwieriger und vor allem noch gewaltvoller geworden. Aus aktivem Schweigen wurde passive Sprachlosigkeit. Aus Sorge zu viel oder zu wenig zu sagen - sagte ich nichts mehr. Und damit war auch nicht mehr sichtbar, dass mich die Nachrichten nicht kalt ließen. Dass mein Mitgefühl und meine Sorge nicht aufgebraucht waren. Dass ich weiterhin gegen Gewalt und für Frieden bin.
Ich kann diese hyperkomplexe Ausgangslage im Nahen Osten nicht entwirren. Ich kann die deutsche Geschichte meiner Großeltern-Generation nicht ändern und hänge da natürlich auch irgendwie mit drin. Aber ich kann mich darum bemühen, trotz der eigenen Sprachlosigkeit in Kontakt zu bleiben mit Menschen, die unter der Gewalt im nahen Osten leiden - egal welcher Nationalität oder welchen Glaubens.
Mir ist klar, dass es anmaßend wäre, zu denken, dass ich den Schmerz nachvollziehen könnte, welchen Menschen empfinden, die direkt durch Familie oder Bekannt von Krieg und Gewalt betroffen sind. Aber ich kann mich mit ihrem Schmerz und damit mit ihnen verbinden. Dieses sich betreffen lassen und doch nicht unmittelbar betroffen sein, bietet mir die Chance, mich in unterschiedliche Perspektiven hineinzuversetzen. Und jeweils sehe ich Schmerz und Angst.
Wie wäre es, wenn wir aus diesem Schmerz nicht Hass und Gewalt, sondern Brücken der gemeinsamen Erfahrung bauen würden?
(Christlicher Teilnehmer des christlich-muslimischen Dialogs)